Rückblick Infotag Biodiversität am 24. Mai 2019
Biodiversität bald auch in der Bierflasche?

Publikum

Am 24. Mai veranstaltete das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Bayreuth einen Infotag zur Biodiversität in der Land- und Forstwirtschaft.

Bei einer Führung über Versuchsflächen der Landwirtschaftlichen Lehranstalten in Bayreuth stellten die Referenten ein breites Feld an Maßnahmen, die zur Steigerung der Biodiversität und zur Förderung der Wild- und Honigbienen beitragen, vor. Auch Bierliebhaber kamen nicht zu kurz, denn die vom Aussterben bedrohte Dicke Trespe taugt zum Bierbrauen.
Bei strahlendem Sonnenschein erfuhren die 40 Teilnehmer - Landwirte, Vertreter von Naturschutzverbänden, Obst- und Gartenbauvereinen und Imker - von deren Leiter Dr. Volker Höltkemeyer, dass für die Landwirtschaftlichen Lehranstalten in Bayreuth Biodiversität kein Fremdwort ist. Diese erforschen in Zusammenarbeit mit der Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL), der Landesanstalt für Wein- und Gartenbau (LWG), dem Technologie- und Förderzentrum Straubing (TFZ) und der Universität Bayreuth unter anderem, wie sich verschiedene Blühmischungen und alternative Energiepflanzen entwickeln und wie sie in Biogasanlagen genutzt werden können. Höltkemeyer wies auch auf die Lage der Landwirte hin, die letztendlich für ihren eigenen Lebensunterhalt sorgen müssen: "Bei der ganzen Diskussion um Biodiversität darf nicht vergessen werden, dass die Landwirte bei der Produktion von Nahrungsmitteln auch etwas erwirtschaften müssen".

Informations- und Demonstrationszentren Energiepflanzenanbau und Bioökonomie

Viktoria Ammer von der LfL stellte anschließend das Projekt "Informations- und Demonstrationszentren Energiepflanzenanbau und Bioökonomie" vor., ein Gemeinschaftsprojekt der LfL, des TFZ und der LWG. In ganz Bayern gibt es sieben Zentren, an denen sich jeder Interessierte, vom Landwirt über Imker bis hin zum Verbraucher, vor Ort umfassend über Energiepflanzen informieren kann. Eines dieser Zentren ist in Bayreuth an den Landwirtschaftlichen Lehranstalten. Erstmals werden 2019 in Bayreuth auch Heil- und Gewürzpflanzen angebaut, die in geringen Mengen auch für den Hausgebrauch geerntet werden dürfen.

Biodiversität durch Dauerkulturen

Die beiden Dauerkulturen Miscanthus („Elefantengras“) und Sida stellte Ulrich Deuter vom TFZ vor. Der große Vorteil beim Anbau von Dauerkulturen liegt für den Bewirtschafter darin, dass diese nur einmal gepflanzt, anschließend aber bis zu 20 Jahre genutzt werden können. Folglich fällt bei Dauerkulturen relativ wenig Arbeit an. Es entstehen weniger Erosionen, und Kleinstlebewesen finden das ganze Jahr über Lebensraum. Da die Pflanzung im ersten Jahr teuer ist, sind Dauerkulturen jedoch ausschließlich zur langfristigen Nutzung geeignet und sollten nicht auf kurzzeitigen Pachtflächen angelegt werden.
Mulchauflage durch abgestorbene Miscanthus-Blätter
Miscanthus wird für Heizkraftanlagen oder als Einstreu für Pferde und Kleintiere genutzt, für Biogasanlagen ist die Pflanze nicht geeignet. Die Ernte erfolgt im Frühjahr mit dem Maishäcksler, nachdem die Pflanze im Winter abgefroren ist. Einen positiven Beitrag zur Biodiversität leisten abgestorbene Blätter, die über den Winter abfallen und eine Mulchauflage für Kleinlebewesen bilden. Außerdem finden Nager und andere Wildtiere ausreichend Deckung im Bestand. Für Honigbienen ist die Pflanze durch die nicht vorhandene Blüte uninteressant.
Bienenfutter im Spätsommer bei Sida
Die Dauerkultur Sida verfügt über bessere Heizeigenschaften als Miscanthus (keine Schlackenbildung) und kann auch für die Biogaserzeugung genutzt werden. Die Samen der Sida haben aktuell durch die fehlende Züchtung noch sehr schlechte Keimeigenschaften und auch ihre Pflanzung ist aufwändig. Dies erschwert die Etablierung und verschafft der Pflanze ab und an die Bezeichnung als "Zicke", so Deuter. Interessant ist die Pflanze durch ihre kleinen weißen Blüten aber für Bienen. Die Blüte erfolgt im Juli und somit erst relativ spät, sodass sie auch im Spätsommer noch Nektar bietet.
Durchwachsene Silphie: Schmeckt Bienen, nicht Wildschweinen
Eine mittlerweile schon recht bekannte Dauerkultur, die Durchwachsene Silphie, stellte Dr. Pedro Gerstberger (Universität Bayreuth) vor. Auf dem Bayreuther Bezirkslehrgut wird Silphie bereits seit 2009 angebaut. In der Biomasseerzeugung stellt Silphie eine Ergänzung zum Mais dar. Im Gegensatz zu Mais ist der Bestand für Wildschweine uninteressant, was gerade an Waldrändern einen großen Vorteil darstellt. Silphie hat keine Schädlinge und keine Krankheiten, lediglich eine Unkrautbekämpfung ist im ersten Jahr nötig. Ihre Blüte von Juli bis September bietet unseren Bienen Nahrung. Leider ist Silphie aufgrund der geringen Schmackhaftigkeit jedoch nicht für die Tierernährung nutzbar und liegt im Ertrag hinter dem Mais. Ein wirtschaftlicher Ausgleich kann zum Teil durch Förderungen (Kulturlandschaftsprogramm, Ökologische Vorrangflächen) erreicht werden.

Biodiversität durch Blühflächen

Als Dominik Kretzer (LWG) verschiedene Blühmischungen vorstellte, staunte das Publikum nicht schlecht, was alles bei der Zusammenstellung und Aussaat einer Blühfläche beachtet werden muss. So besteht der "Veitshöchheimer Hanfmix" aus 36 verschiedenen Arten und kann fünf Jahre genutzt werden. Die Mischung wurde hinsichtlich eines üppigen, langanhaltenden Blütenangebotes gestaltet. Sie bietet Nektar und Pollen für Insekten und gewährt Schutz und Deckung für das Niederwild. Im ersten Jahr blühen vor allem Hanfpflanzen, ab dem zweiten Jahr hauptsächlich Stockrosen, Rainfarn, Luzerne, Fenchel und Kamille. Bei der Aussaat dieser Mischung ist zu beachten, dass die Pflanzen Lichtkeimer sind und die Samen daher oben aufliegen müssen.
Für Verwunderung sorgte die Aussaat der sogenannten "Präriemischung", die im Januar auf der schneebedeckten Fläche erfolgt. Die Hochstaudenmischung aus 32 Arten und überwiegend nordamerikanischen Großstauden zeichnet sich durch eine späte Blüte (Juli bis September) mit großer Blütenvielfalt aus. Sie stellt eine gute Möglichkeit dar, ab Mitte Juli die Nahrungslücke für blütenbesuchende Insekten zu schließen. Beachtlich ist die extreme Massenwüchsigkeit, da Höhen bis zu vier Metern erreicht werden.

"Bier-Diversität" dank Dicker Trespe

Für Bierliebhaber könnte die Dicke Trespe für Gaumenfreude sorgen: Das sei zwar keine Bio-Diversität, aber Bier-Diversität, so Gerstberger. Aus Erhaltungskulturen der Botanischen Gärten Frankfurt a.M. und Bonn läuft 2019 ein Separatanbau der Dicken Trespe auf dem Bezirkslehrgut Bayreuth mit 1250 Einzelpflanzen. "Wir vermehren die Art heuer und werden sie in 2020 auf größerer Fläche anbauen, um sie mit dem Mähdrescher ernten zu können", kündigte Gerstberger an. Vorgesehen sind Backversuche sowie das Brauen von Trespenbier. Der Geschmack sei ähnlich wie der von Zwickelbier. Eine Verkostung mit einem Biersommelier hat bereits im vergangenen Jahr stattgefunden und ist auf sehr positive Resonanz gestoßen. Das Ziel ist, die vom Aussterben bedrohte Dicke Trespe als Nutzpflanze mit hervorragendem genetischem Potential zu erhalten und ihre vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten für den Menschen aufzuzeigen.

Leguminosen-Getreide-Gemenge lässt Ganzpflanzensilage blühen

Eine einfache Möglichkeit, beim Anbau von Ganzpflanzensilage (GPS) für mehr Blüten zu sorgen, ist der Anbau von Leguminose-Getreide-Gemengen. Als Beispiele erläuterte Ulrich Deuter den Anbau von Erbsen-Triticalen-Gemengen und Wicke-Roggen-Gemengen. Der Ertrag sei ähnlich wie bei der reinen Getreide-GPS, so Deuter. Neben der Blüte der Leguminosen ist ein weiterer Vorteil die Stickstoffbindung, wodurch bei der darauffolgenden Kultur weniger gedüngt werden muss.

Bedeutung der Maßnahmen für Wild- und Honigbienen

Antwort auf die Frage, welche Bedürfnisse unsere Wild- und Honigbienen eigentlich haben, gab Barbara Bartsch, Fachberaterin für Bienenzucht in Oberfranken (LWG). Essentiell sind der Pollen als Eiweißlieferant und der Nektar als Energielieferant. Hummeln und Wildbienen brauchen außerdem einen Unterschlupf, zum Beispiel in einem geschützten Bereich im Boden.
"Honigbienen sind in diesem Punkt unabhängiger, sie können sich selbst ihren Unterschlupf bauen", so Bartsch. Wenn es nach den Bedürfnissen der Bienen ginge, würden sie sich wünschen, Nektar und Pollen von März bis Oktober vorzufinden. Wichtig ist ein breit gefächertes Spektrum an Pflanzen mit unterschiedlichen Nektar- und Pollenpflanzen. Bartsch äußerte den Wunsch von Blühkorridoren von Frühjahr bis Herbst, auch in den Gärten. Auch alte Stängel sollten stehen bleiben, da sie Schutz für Wildbienen bieten.

Rege Diskussionsrunde

Abschließend fand eine rege Diskussionsrunde statt, wie Biodiversität gefördert werden kann. Aus Zahlen, die der Behördenleiter des AELF Bayreuth, Georg Dumpert, darlegte, wurde klar, dass die Landwirte und Waldbesitzer im Landkreis bereits viel leisten, um Artenvielfalt zu fördern. So nutzen zum Beispiel bereits drei von vier Landwirten das Kulturlandschaftsprogramm. Die privaten und kommunalen Waldbesitzer schaffen jährlich zwischen 50 und 100 Hektar klimatolerante, artenreichere Mischbestände neu in unserer Region. Angesprochen wurde durch die Teilnehmer, dass auch Gemeinden dafür sensibilisiert werden müssten, wo es möglich ist, weniger zu mähen.
"Das war eine gelungene Veranstaltung", war sich das Publikum einig, und der Wunsch nach weiteren Veranstaltungen zu dem Thema wurde geäußert. Weitere Termine, die vor allem für Imker interessant sind, sind der Tag der offenen Tür der LWG Veitshöchheim am 7. Juli 2019 sowie der Imkertag der LWG Veitshöchheim am 14. Juli 2019.
Eine kleine Runde besichtigte mit Dumpert schließlich noch den nahe gelegenen Klimawald, kürzlich mit einer Vielzahl von klimatoleranten Baumarten angelegt.